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schnellbus 343

13 - am hexenbrunnen

Türen auf.
Sie nennen sie Die Hexe. Aber wie eine von diesen bösen Hexen aus den Märchen sieht sie nicht aus. Kein Buckel, keine Warze, keine roten Augen. Nur struppiges, graubraunes Haar und golden funkelnde Augen, ein durchdringender Blick aus tiefen Höhlen – aber immer ein verschmitztes Schmunzeln auf den Lippen und um einen bissigen Kommentar nie verlegen.
Sie nennen sie Die Bücherhexe, denn sie ist Verlegerin und kann sich schon seit Jahren gegen die große Konkurrenz wehren mit ihrem Eine-Frau-Unternehmen. Sie ist Lektorin und Layouterin, ihre eigene Chefin. Welche Geschichten sie verlegt, bestimmt allein sie. Und damit hat sie Erfolg.
Guten Morgen, Jean., grüßt sie und geht, ihren Bastkorb vor sich her tragend, durch die Abtrennung des Fahrerraumes. Sie bleibt stehen und hält sich mit der Rechten an der vordersten Haltestange fest. Der Korb ist schwer von Büchern, natürlich nur aus dem eigenen Verlag. Sie soll in die Nachbarstadt, aus ihrem neuesten Buch lesen und dann diskutieren und signieren.
Türen zu.
Es ist ihr erstes selbst verfasstes Buch. Geschichten vom Hexenbrunnen, erschienen im Hexenbrunnen-Verlag. Viele kleine Geschichten, die sie über die Jahre in sich aufgesogen hat und die sie nun erzählen will.
Jean, ich habe es getan., sagt sie.
Was?
Ich habe eure Geschichte doch aufgenommen.
Wirklich? War sie doch nicht zu provokant?
Awo. Ich habe sie noch ein wenig nachgewürzt, eine Prise Humor, näher an die Wirklichkeit heran, die Geschichte, wie ich sie gesehen habe.
Ach, da bin ich aber gespannt. Und wenn sie mir nicht gefällt und ich vor Gericht ziehe?
Dann bin ich enttäuscht – und fahre einen Bus eher.
Jean lacht herzhaft. Dafür ist sie doch viel zu sehr Langschläferin.
Stimmt., murmelt sie ertappt.
Wie heißt sie denn?
Dorothea.
Doch nicht sie!, entgegnet Jean, der er den Namen der Bücherhexe schon kennt. Wie heißt sie, die Geschichte?
Ach, Jean, kaufen Sie doch ein Buch!, lockt die Verlegerin. Nur acht Euro.
Aber warum soll ich acht Euro investieren, wenn ich nicht einmal den Hauch einer Ahnung habe, den Hauch eines guten Argumentes für das Buch?
Also wirklich, mein lieber Jean, ist es nicht Grund genug, dass es sich um eine Geschichte aus den Augen einer Hexe handelt?
Doch, stimmt., erwidert Jean lachend. Lass uns das an der nächsten Haltestelle klären, ich bin ein paar Sekunden vor dem Fahrplan.
Die Bücherhexe lächelt milde. Du wirst es nicht bereuen – es sei denn, du liest es während der Fahrt!
Nächster Halt: Braunekuhl.
24.12.06 03:30


12 - kulturforum

Türen auf.
Wissen Sie was?, meint die Frau im Aufstehen begriffen, Ich lade Sie ein, Montag um 19.00 Uhr, ins Büro der Grünen. Schauen Sie einfach rein und informieren Sie sich. Seien Sie politisch!
Und damit drückt sie ihr eine Visitenkarte in die Hand und verlässt den Bus.
Auf Wiedersehen.
Türen zu.
Sieh an, sieh an., denkt sich Johanna, die Studentin der Volkswirtschaftslehre. Da suche ich jahrelang den Weg zu einer Partei – und jetzt kommt die Partei zu mir.
Dörte Becker,, schmunzelt Jean, Dörte Becker, immer fleißig im Einsatz für die Demokratie. Immer im Einsatz für die gute Sache.
Der gerade mit dem Geigenkoffer zugestiegene Mann setzt sich direkt hinter den Fahrer. Er stellt den Koffer auf der schmalen Kante zwischen die Beine, klemmt ihn mit den Knien fest und gähnt.
Gestern war die Konzertnacht, zwischen achtzehn Uhr und acht Uhr gab es kleine Konzerte an verschiedenen Orten der Stadt. Er selbst, der Geiger, spielte mit einigen Kollegen, die sowohl Streich- als auch Zupfinstrumente spielen, und zwei Sängern alte Lieder aus Renaissance und Barock.
Und so schön diese laue Sommernacht war – denn es war den Gästen frei, mitzumachen und manche sangen oder summten auch mit, während andere auf mitgebrachten Instrumenten dazu improvisierten und neue Klänge einfließen ließen – so anstrengend und Kräfte zehrend war sie auch.
Der Geiger denkt zurück, erinnert sich des Liebesliedes, gespielt von einem Streicherkonsort, mit warmem, sanftem, klagenden Timbre gesungen von einem Tenor, erinnert sich, wie mit jeder Strophe eine Person mehr aus dem Publikum mit in das süße Lamento einstieg, zunächst eine alte Gambe in aller Wärme, gefolgt von einer Barockflöte mit leichtem Schwung, dann Bongos und eine Laute, erinnert sich, wie nach und nach die Stimmen verklangen und nur mehr Laute, Gambe und Bongo über das Lied fantasierten und, obgleich sie durch den ganzen Saal verteilt, am Schluss gemeinsam verstummten.
Ja, welch Glück,, denkt er, dass ich dabei gewesen bin, welch Glück, diese schöne Erfahrung gemacht und eine Geschichte zu erzählen zu haben, in c-moll.
Nächster Halt: Am Hexenbrunnen.
24.12.06 03:27


11 - ostfriedhof

Türen auf.
Selbst wenn., bollert der Mann. Mit ihm gäbe es dieses Ausländerproblem nicht!
Die Passagiere drehen sich kollektiv zu der Diskussion, so sehr manche auch wegzuhören versucht hatten.
Jean wartet, obwohl niemand einsteigt.
Mit Adolf gäbe es Sie nicht., zischt ihm die Studentin zu. Gucken Sie sich mal an: alt buckelig, chronische Bronchitis, ein Herzleiden – man hätte sie schon längst als lebensunwürdig eingestuft und getötet.
Ach was., grummelt der Mann, Bei der Führertreue tötet man keine Menschen.
Geben Sie es doch zu,, beginnt eine Frau, die in der Reihe vor dem Mann sitzt und sich jetzt nach hinten dreht, Sie sehen bloß nicht Ihre Interessen durchgesetzt und sind frustriert, weil die Welt nicht nach Ihrer Pfeife tanzt.
Das lasse ich mir nicht bieten!, tönt er mit sich vor Empörung überschlagender Stimme. Ich lasse mich von so einer Kommunistin nicht beleidigen!
Jean öffnet nun auch die hinteren Türen. Er schaltet das Mikrofon ein.
Wenn Ihnen die Gesellschaft nicht passt, können Sie gerne gehen. Der Ausstieg ist rechts.
Und schneller als gedacht ist der Mann aus dem Bus verschwunden.
Kein Problem weniger – nur an einen anderen, womöglich leichter bekehrbaren Ort verschoben.
Türen zu.
Ist doch wahr!, empört sich die Frau. Was wir brauchen, ist mehr Mitsprache und nicht weniger. Wir geben unsere Stimme ab – und bekommen sie nach vier Jahren kurzfristig zurück, um zwei Kreuzchen zu machen.
Und was wollen Sie stattdessen machen?, fragt die Studentin. Volksabstimmungen bei jedem Gesetz?
Dann kämen wir doch nie weiter., entgegnet ein älterer Mann von hinten, seine wenigen Haare sind weiß.
Nein, nein, so weit muss es nicht kommen. Aber bei Verfassungsänderungen sollte das Volk entscheiden. Die neue Verfassung, die uns nach der Wiedervereinigung mit der DDR zur Abstimmung gestellt werden sollte, ist immer noch nicht geschrieben.
Der Mann nickt. Aber eigentlich sollte es doch möglich sein, über jedes Gesetz abstimmen zu lassen. Wie bei einem konstruktiven Misstrauensvotum muss es eine Alternative geben – und der Bundestag sollte mit einer festgesetzten Quote für das Plebiszit stimmen.
Die Studentin ist skeptisch. Aber lähmt das nicht, wenn die Opposition aus Gründen der Opposition alles blockiert?
Ach, das klappt doch jetzt schon nicht., meint die Frau amüsiert. Denken Sie nur an den BND-Untersuchungsausschuss, was das für eine Mühe war, die nötigen Stimmen zu bekommen.
Und denken Sie nur daran, wie stark so ein Gesetz dann legitimiert wäre! Das kann auch mit einer Schlappe für die Opposition enden, wenn das Volk mit überwältigendder Mehrheit sagt, Ja, wir wollen das Gesetz.
Die Studentin nickt zögerlich.
Das heißt, Sie wollen mit dem Volk statt für das Volk regieren? Auf die Gefahr hin, dass das Ganze dann in Populismus endet: ich glaube, ich könnte auch dafür sein.
Schön., freut sich die Frau. Dann gehen Sie in die Politik und überzeugen Sie die Leute. Sie sind engagiert! Wer außer uns Bürgerinnen und Bürgern soll denn den Staat und die Gesellschaft verändern? Ein Diktator, der meint, er wüsste, was gut für mich ist?
Die Studentin schüttelt angewidert den Kopf.
Nein, danke.
Nächster Halt: Kulturforum.
24.11.06 23:10


10 - bahnhof

Türen auf.
Die schwarzweiß gekleidete Anonymität schiebt sich hinten aus dem Bus, während vorne eine Traube von Menschen sich vor den Türen quetscht. Nur langsam wird die Haltestelle leerer und der Bus füllt sich mit Leben; Leben, wie es auch draußen auf den Bus- und Bahnsteigen tobt.
Man kann es kaum glauben, dass hier so viel los ist, aber die Menschen kommen und gehen, rauschen aneinander vorbei, die eine hat eine Aktentasche, der andere einen Jutebeutel, hier springt einer durch die Menge, weil er seinen Zug noch erwischen will, bevor er ohne ihn abfährt, dort schlurft eine andere auf ihren Stock gestützt langsam zum Bussteig, um sich dort auf der hölzernen Bank niederlassen zu können. Und irgendwo inmitten des Getümmels, das solche einer kleinen Stadt schön übermächtig groß erscheint, steht sie.
Dana. Dana Moreau. Sie steht einfach dort, als könnte sie nichts berühren. Und doch hält sie alles fest, was um ihren Standpunkt wirbelt und ihr den Horizont ständig in Bewegung erscheinen lässt.
Auf einem Blatt Papier.
Tür zu.
Jean muss schmunzeln. Erst neulich, er erinnert sich, stand Dana vorne bei ihm, dem Fahrer, in der Tür, der Bus fuhr ab und egal, was auch passierte, welches Schlagloch die Passagiere erzittern ließ, sie bewegte sich keinen Millimeter und malte, was sie nur zu malen gedachte.
Das Bild,, denkt Jean bei sich, das Bild habe ich nie gesehen. Aber es muss bestimmt schön sein.
Er drückt ein paar Knöpfe, dreht an ein paar Reglern und ein elektrisches Sirren und Summen wird lauter und mit einem leisen Zischen entweicht andächtig wohl temperierte Luft den mannigfaltig verteilten Düsen und hält die Temperatur der Luft im Bus konstant bei zwanzig Grad Celsius. Es wird heute schnell warm, und die Nacht war nicht kalt.
Ein kurzes Verschnaufen, Ruhe im Trubel.
Jean genießt den Augenblick und schaut verträumt in Danas Richtung, als ihm jemand ein Ticket ins Blickfeld hält.
Danke., sagt Jean und lächelt. Nicht aus Gewohnheit oder weil es sich so gehören sollte. Er lächelt, weil er sich freut, dem Mann etwas Gutes tun zu können, wenn er ihn zu seinem Ziel fährt – auch wenn es diesem vielleicht gar nicht so bewusst sein mag.
Türen zu.
Ach, ach., ächzt der Mann, nicht mehr der Jüngste. Er sieht aus wie längst pensioniert, aber arbeiten muss er noch und an jedem neuen Tag sieht er abgehetzter aus. Der Sitz knackt und zittert, als der Mann sich in ihn plumpsen lässt. Die Studentin neben ihm rückt ein wenig näher an das Fenster.
Ach, diese ganzen Föderalismus-Reformer, was das für ein Stress ist., keucht der Mann. Und das nur damit der Wähler zufrieden ist. Er schnaubt verächtlich. Wer wählt denn noch? Und dann diese ganzen Reförmchen … was wir brauchen, ist einer, der es anpackt und einfach mal aufräumt.
Bitte?, fragt die Studentin und blickt entsetzt. Sie rutscht weiter von dem Mann weg und wendet sich ihm zu.
Ja, ist doch wahr!, entfährt es dem künftigen Pensionär. Wir brauchen einen Macher, der den Weg bestimmt und dann wird’s so gemacht. Keine elenden Diskussionen mehr.
Das hatten wir schon, vor gut siebzig Jahren., entgegnet die Studentin. Am Schluss hatten wir in Deutschland vierzig Millionen Tote.
Also, das ist doch was ganz Anderes. Immerhin hat Adolf den Leuten Sicherheit gegeben – und die Autobahnen hat er auch gebaut!
So einen Blödsinn,, erwidert die Studentin betont sachlich, habe ich selten zuvor gehört. Da war man doch nur sicher, wenn man tat, was der Führer wollte – und sei es, dass man andere dem Tod auslieferte. Und Autobahnen?
Der Mann nickt zustimmend.
Schwachsinn., kommt es trocken von der jungen Frau. Die Autobahn war der AVUS – und der wurde 1929 gebaut, vor Hitler. Hitler ließ nur die A1 bauen – und die Arbeitslosen lieferten dem Krieg die Waffen.
Nächster Halt: Ostfriedhof.
22.9.06 09:04


09 - altermarkt

Türen auf.
Ein alter Mann mit Hund steigt ein, links den Hund, rechts einen Strauß Plastiktüten.
Guten Morgen, Jean., grüßt der Mann und sein Hund bellt einmal zustimmend. Er nimmt den Platz mit Aussicht, vorne rechts, nimmt den kleinen Mischling auf den Schoß und stellt die Tüten auf den Boden vor seinen Füßen.
Guten Morgen, Monsieur Clairmont., entgegnet Jean freundlich und drückt den linken der beiden roten, runden Knöpfe zur Rechten des Lenkrads.
Türen zu.
Das rote Licht des Knopfes erlischt, die Türen sind geschlossen; die Handbremse ist gelöst.
Jean tritt das Gaspedal wieder, das Automatikgetriebe tut ruckend seinen Dienst.
Das sollte mal die Werkstatt überprüfen,, denkt sich Jean, als sein Kopf ob des harten Gangwechsels nach vorne ruckt, das kann nicht gesund sein.
Kaum jemand sitzt noch im Bus, nur Monsieur Clairmont, die drei Fahrgäste im Vierer – aber das ganze Heck ist voll.
Die ganzen Geschäftsleute, die zur Großstadt wollen, sitzen dort in ihren teuren Anzügen, reden nur über Wirtschaft und Politik und hoffen, dass der Bus pünktlich ist, weil sie sonst ihren Anschlusszug verpassten. Doch eigentlich wollen sie lieber ihren firmeneigenen Shuttle-Service zurück haben, den die Firma aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen hatte einsparen müssen.
Nächster Halt: Bahnhof.
22.9.06 09:02


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