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schnellbus 343

08 - rathausstraße

Türen auf.
Das Vorrecht vorne auszusteigen, genießen nur wenige, wenn der Bus nicht überfüllt ist. Es sind die, denen Jean Respekt zollt – und das sind alle, die älter sind als er selbst.
Es ist schon eine Leistung, so alt zu werden., denkt sich Jean dann immer, Das Alter muss man erst einmal erreicht haben.
Die Signora steigt aus, obwohl sie bis zum Markt noch eine Station weiterfahren könnte.
Lass nur, Jean., sagt sie, wie jedes Mal, Solange ich kann, will ich diese Strecke noch laufen. Dann zwinkert sie ihm zu. Das tut gut – und hält jung!
Drei weitere Fahrgäste steigen ein. Auch wenn sie schweigen, ist ihnen doch ihre Freude, ihr Amüsement anzusehen. Die beiden Frauen setzen sich gegenüber in die Vierersitze vorne rechts, der Mann, der ihnen folgt, setzt sich neben die eine in Fahrtrichtung Sitzende an den Gang.
Türen zu.
Der Bus fährt an, er nimmt rasch Geschwindigkeit auf.
Ja, so alt muss man erst mal werden., denkt Jean und seufzt leise, auch weil gerade die Ampel rot wird und der Bus wieder anhalten muss. Das ist wahrlich eine Leistung., grinst er, als er daran denkt, dass er auch Enrico vorne hat aussteigen lassen – aber Enrico ist ja auch fünf Minuten älter als er.
Damals, an seinem neunzehnten Geburtstag, vor fünf Jahren, hatte Kati, seine beste Freundin, ihn angerufen, zwei Stunden bevor die Party beginnen sollte. Sie meinte, er hätte doch gesagt, man dürfe Anhang mitbringen, sie hätte da jemanden. Jean hatte Kati, die ja eigentlich Agnes-Katharina heißt, noch nie so geheimnisvoll reden gehört, als meinte er, sie solle die Person doch mitbringen.
Die Person war ein verschüchtertes, irgendwie betrübt wirkendes etwas von junger Mann. Jean spürte dieses Sich fehl am Platze Fühlen und kam schnell mit ihm ins Gespräch.
Er hieß Enrico und war im Heim aufgewachsen. Wie der Zufall es so wollte, feierte auch an diesem Tag seinen neunzehnten Geburtstag, aber eigentlich hätte er ihn allein mit einer Flasche Sekt unter der kleinen Brücke am Bach gefeiert, wenn Kati ihn nicht im Supermarkt angerempelt hätte, worauf die Sektflasche zu Bruch gegangen war.
Die Ampel ist grün, der Bus beschleunigt und rumpelt über das Kopfsteinpflaster.
Die Straße macht einen leichten Linksknick und der Bus hält gegenüber der Einkaufsgalerie an.
Dass sich Enrico später als Jeans zweieiiger Zwillingsbruder herausstellte, tat ihrer Liebe auf den ersten Blick keinen Abbruch.
Nächster Halt: Altermarkt
22.9.06 09:01


07 - schiller-gymnasium

Türen auf.
Die drei Schüler steigen aus, fröhlich scherzend gehen sie auf den alten Backsteinbau aus dem neunzehnten Jahrhundert zu, um dort gelehrt zu werden die Wunder der Welt und die bisweilen mühsamen Praktiken der Mathematik, die aber für manchen auch wie ein Wunder erscheinen, wenn am Ende doch das richtige Ergebnis dabei herauskommt.
Türen zu.
Ein leises Zischen ertönt, als Jean die Handbremse löst, dann wummert der Motor und man hört leise die Rotoren des Turboladers pfeifen, mit jedem Gasschub zwit-schert sich die Turbine in neue, höhere Frequenzbereiche. Man könnte meinen, man hätte Tinnitus, wüsste man nicht von diesen lästigen Fahrgeräuschen.
Dagegen mutet das Rasseln der Steuerkette richtig dezent an und das satte Wum-mern, das im Businnern ankommt, klingt fast schon wie ein alter Achtzylinder-Benziner, wäre da nicht ständig das vom hohen Einspritzdruck und der harten, explosiven Verbrennung des Diesels her rührende Nageln, das den Außenstehenden, aber auch den Fahrgästen den Motor unmissverständlich als Dieselmotor präsentiert.
Der Fahrkartenentwerter rasselt und klickert kurz; wenige, sich wiederholende trocken schmatzende Laute gibt er von sich, während er seinen Stempel erneut mit frischer Farbe bestreicht. Ein überaus leises Klack und die neue Uhrzeit ist eingestellt, wieder eine Minute ist verstrichen.
Der Bus fährt über eine Bodenwelle, er ächzt mit allem, was er hat, man hört, wie alle Teile versuchen, sich zu bewegen und doch bleibt alles am Fleck und knackt und knistert vor sich hin.
Es scheppert im Bus, die Wechselgeldkasse des Fahrers klimpert und tönt blechern, als sie sich in ihrer Fassung schüttelt, weil der Bus von einem Schlagloch ins nächste hüpft, von überall ertönt ein Klappern und Klackern, alles bockt und will verharren und wird doch von Trägheit und Aufbau geräuschvoll gehindert.
Der Bus schaukelt sich auf und geht tief in die Federn, er schwankt von vorne nach hinten, doch jeder Stoß, jedes Loch im Boden schlägt bis in die Sitze durch, denn das Sitzpolster wirkt nur mehr wie ein nicht besonders schöner, nicht besonders flauschiger Belag der harten Sitzschalen aus grauem Kunststoff, als säße man direkt auf der Straße.
Nur Jean sitzt weich gebettet in seinem großen, gut gepolsterten Sessel, hüpft in großen Schwüngen auf und ab und denkt sich nur Was bin ich froh, dass der Sitz keinen Slalom fahren muss – er würde wohl kippen.
Nächster Halt: Rathausstraße.
22.9.06 08:58


06 - am bahnübergang

Türen auf.
Am Bahnübergang steigt nur ein einziger Mann zu. Sein Trenchcoat ist grau, seine Schuhe sind grau, sein tief ins runzlige, wie versteinert wirkende Gesicht, gezogener Hut ist grau und auch die wenigen unter der Hutkrempe hervorlugenden dünnen, fahlen Haare sind grau.
Er zeigt mit seiner grauen Hand die Monatskarte und seine Augen stechen auch aus dem dunklen Schlagschatten, den seine Hutkrempe wirft, hervor. Gerade noch war er dem Zug entstiegen, für ihn war die kleine Station am Bahnübergang der ideale Umstieg, besser als bis zum örtlichen Bahnhof zu fahren und von dort den ganzen Weg mangels einer passenden Busverbindung zurück zu laufen.
Türen zu.
Der Bus fährt an, der Mann, im Begriff, sich hinzusetzen, fällt in den Sitz vor der hinteren Türen und gibt ein dumpfes Stöhnen von sich, als ihm seine Bandscheibe auf schmerzhafte Weise deutlich macht, dass sie nicht am rechten Fleck ist.
Wenn das seine Frau wüsste; wenn sie wüsste, dass er nun seine Geliebte besucht, wenn sie nur wüsste, dass er seiner Geliebten einen Ring mitbringt, wenn seine Frau nur wüsste, dass er bei seiner Geliebten die Farbe Grau nicht trägt.
Wenn seine Frau es wüsste, sie wünschte, sie wäre seine Geliebte – nur damit endlich die Schläge aufhörten.
Nächster Halt: Schiller-Gymnasium.
13.6.06 09:42


05 - altes aquädukt

Türen auf.
Ja, vielleicht findest du in England dein Deckelchen. Dieser Ben ... es war kaum zu übersehen, dass der was von dir will.
Nur ein junger Mann steigt aus. Schon seit Jahren besucht er freitags seine verwitwete Großmutter in ihrem Haus aus Vorkriegszeiten. Der Rest der Verwandtschaft hätte sie am liebsten im "Les immortales" gesehen, um sie dort auch nicht besuchen zu müssen, in der Gewissheit, dass dort jemand wäre, der sich rund um die Uhr um sie kümmerte. Auf den Gedanken, dass Greta lieber in Freiheit lebte, anstatt an ein Bett gefesselt zu sein, schien noch niemand gekommen.
Und so war es gekommen, dass einzig ihr Enkel noch zu Besuch kommt und auch sonst gerne Ausflüge mit ihr unternimmt.
Türen zu.
Nach der Haltestelle folgt kein Haus mehr, die Straße trennt den dunklen Wald von einer saftig grünen Weide, die rechts der Straße liegt.
In einem sanften Bogen nach unten weitet sich ein Tal, durch das sich seit je her ein kleiner Fluss schlängelt, von dessen Ufer ein Aquädukt aus tönernem Stein eine kleine Menge reinsten Wassers abzweigt und über viele Brücken dieses Wasser noch immer in die große Stadt leitet, wie es seit dem Jahre 56 schon so ist, als die Römer in der Region gesiedelt hatten.
Nahe der Straße liegen ein paar schwarz und weiß gefleckte Kühe im Gras und lassen sich von der Morgensonne wärmen.
Jeans Gesicht spiegelt ein leicht schelmisches Lächeln. Jetzt kommt sein liebster Streckenabschnitt, er hat freie Fahrt und einen strengen Fahrplan einzuhalten, er tritt das Gaspedal gen Bodenblech und der Bus beschleunigt gemächlich unter dem Aufheulen des alten Motors. Über kleine Hügel und kurze, tiefe Täler verläuft die Straße, jede Hügelkuppe ein kleines Bonbon von Leichtigkeit im Bauch, wenn man nur schnell genug fährt. Und als Busfahrer fährt Jean schnell genug, um sich nicht zu verspäten.
Während es beständig auf und ab geht, vollführt die Straße eine leichte Linkskurve, schmiegt sich an den Wald und lässt ihn bald schon hinter sich zurück, deroweil es peu à peu aufwärts geht.
Ein letzter Hügel, ein letztes Mal ein flaues Gefühl im Magen, bevor der schwere Bus tief in die Federn sinkt, um die auf ihn wirkende Schwerkraft auszugleichen.
Jetzt geht es nur noch kontinuierlich aufwärts, der Bus brettert über die steinerne Brücke, die einen kleinen Bach überspannt, dann bremst Jean das schwere Gefährt und hält vor einem geschlossenen Bahnübergang an; die Schranken sind herabgelassen, rot-weiß gestreift, die Ampel blinkt rot und langsam kreuzt ein Zug von Rechts und beschleunigt allmählich.
Noch bevor der Zug in einem Tunnel verschwunden ist, öffnen sich, begleitet von einem regelmäßigen hellen "Ping", die Schranken und Jean kann die Fahrt fortsetzen.
Nur wenige Meter weiter beginnt der Ort und hinter dem Ortseingangsschild, noch vor dem ersten Fachwerkhaus, lenkt Jean den Bus in die Haltebucht.
Nächster Halt: Am Bahnübergang.
29.5.06 13:53


04 - kirchplatz

Türen auf.
Die beiden Frauen vom Vierer vorne links steigen aus, sie arbeiten in dieser Gemeinde.
Neben der alten romantischen Dorfkirche Sankt Benedikt, die dem Platz seinen Namen gab, liegt ein ebenso alter kleiner Bau, der früher ein teil eines Benediktinerklosters war. Doch Mönche gab es hier schon seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr, heute war dieser Bau ein Kindergarten, der aus dem alten, längst verwuchert gewesenen Klostergarten einen Nutz- und Lerngarten gemacht hatte, aus dem es genug Obst und Gemüse zu ernten gab, dass der Kindergarten weitestgehend nur Getränke zu den täglichen Mahlzeiten kaufen musste. Denn so sauber war das Brunnenwasser längst noch nicht, als dass man davon hätte trinken können.
Hier stieg niemand ein, nicht um diese Uhrzeit. Die Gemeinde bestand nur aus jungen Familien und wenigen Alten. Während die Kinder schon im Kindergarten waren, waren ihre Eltern mit den Fahrrädern oder in Fahrgemeinschaften zur Arbeit gefahren und die Alten trafen sich zum gemeinsamen Frühstück. Hier kannte wirklich jeder noch jeden, das ganze Dorf war eine einzige große Gemeinschaft.
Türen zu.
Die wenigen Schüler, die jetzt noch im Bus stehen, werden zu spät im Unterricht erscheinen, aber wer fährt schon gerne eine Stunde eher mit dem Bus, nur um nicht zwei Minuten zu spät zu sein?
Und,, fragt der Kleinste der drei, freust du dich schon auf England, Mike?
Mike nickt und seine Mundwinkel bewegen sich nach oben. Er streicht sich eine blondierte Strähne aus dem Gesicht. Klar freue ich mich! Du glaubst gar nicht, wie schön -
Doch, glaube ich, ich war doch dabei!, unterbricht ihn der Kleine mit den kurzen, gegelten Haaren. meinst du, die Müller wird heute nochmal darüber sprechen?
Ach, Nicki., seufzt Mike nur und legt ihm seinen linken Arm auf die Schulter, Es kann nicht immer Unterricht ausfallen.
Seid ihr gezz doch zusammen?, kommt es von dem Dritten der Runde, und die anderen beiden, die ihn grinsend anblicken, entgegnen wie aus einem Munde Nein, Dario! Schade., entfährt es Dario, Ihr passtet gut zusammen.
Mike hebt anerkennend die rechte Augenbraue. Es lebe der Konjunktiv!, proklamiert er und wendet sich dann wieder seinen Freunden zu. Er will gerade ansetzen, als Nicki, dem seine Eltern den Namen Nikolaus-Alexander gegeben hatten, ihm die Worte aus dem Mund nimmt.
Auch nicht-schwule Männer dürfen sich umarmen - und mit dir liegen wir drei eh schon über der Quote.
Trotzdem schade., meint Dario, Aber vielleicht in England ... Er schiebt das rechte Bein als Stütze beim Bremsen voraus, hält sich an einer Haltestange fest.
Der Bus hält wieder an.
Nächster Halt: Altes Aquädukt.
9.4.06 22:25


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