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projekt: the best

fragment 5 - NACH 4, VOR 2

Für Jonathan war es kein Donnerstag wie jeder andere. Seit dem letzten Freitag war seine Welt aus dem Lot geraten und tief in ihm vergraben lag der Stein des Anstoßes, lag, was er nicht wissen konnte.
Langsam rutschte er die hellgelb gestrichene Wand hinab; die Beine von sich gestreckt lehnte er steif an der Wand.
Schon am Montag hatte er am späten Vormittag entdeckt, dass eine Schule ein idealer Ort war, um sich einigermaßen angenehm aufzuwärmen und warmzuhalten.
Am Samstag war er noch im hiesigen Karstadt gewesen, einem dreistöckigen Einkaufsmarkt, dessen markante Fassade unter Denkmalschutz stand.
Nicht nur, dass ihm dort das Wasser im Munde zusammengelaufen war, als er im Erdgeschoss zwischen den Süßwaren umher geschlichen war, nicht nur, dass er im zweiten Stock abfällig von den wenigen Kunden gemustert worden war, als er zwischen den teuren Klamotten sich bewegt hatte, nein, schlussendlich oben in der Elektronikabteilung war er unflätig von einem der Verkäufer des Ladens verwiesen worden und tingelte fortan von einem Laden zum nächsten, ohne irgendwie zur Ruhe zu kommen.
Seit Montag hatte er sich in einem hiesigen Gymnasium eingerichtet. Während der Stunden war er verhältnismäßig ruhig und selbst in den Pausen fand er immer wieder einen Platz, an dem niemand anderes war. Es war warm im Gebäude, es war trocken im Gebäude und er spürte keine starrenden Blicke auf sich ruhen. Nur wenige Schritte vom Schulhof lag die schuleigene Caféteria, odrt gab es relativ günstig Brötchen und Getränke.
Er ließ seinen Kopf langsam in den Nacken kippen, bis er an der Wand ruhte und er lauschte der Stille. Klappernd schlug die große Uhr an der Wand ihm gegenüber um, wieder war eine Minute vergangen.
Jonathan schloss die Augen und sein Magen knurrte vernehmlich. Sein Gesicht verzog sich zu einem gequälten Grinsen. Das eine Brötchen in der Frühe war definitiv nicht genug gewesen und jetzt am Mittag schien auch sein Magen ihm mitteilen zu wollen, was sein Kopf schon längst wusste.
Wie von der Ferne hörte er Geplapper und Gelächter, fern hinter verschlossenen Massivholztüren schienen viele Menschen voll freudigem Eifer, dann spielte ein Flügel - ein Flügel oder ein Klavier, das konnte er nicht erhören - begleitende Akkorde und das Geplapper schwand schnell und Tonleitern verdrängten das ungeordnete Gespräch.
So gern wollte Jonathan wieder singen, doch einfach in den Raum schleichen, das ging nicht, denn es gab nur diese eine Tür - und auf diese Schule ging er nicht, hätte zu bald wieder fort sein können.
So nun blieb er, wo er war und summte leise mit.
Sein Hungergefühl schien zu schwinden mit jeder neuer Tonart und als es endlich an die Lieder ging, da fühlte er sich nicht mehr hungrig, doch ihm dürstete nach der Musik.
Welch Parallelen es doch gibt., seufzte Jonathan in Gedanken, als er den Flügel wieder hörte und ein Fetzen des gleichen Liedes, welches er zuletzt wohl gesungen haben musste, zu ihm hinüber hallte. Und es war noch mehr des Zufalls, dass nun, als wäre es nur für ihn, der Tenor seine Stimme üben sollte.
Ein Bach-Satz war es, "O Haupt voll Blut und Wunden", doch es ging auf Weihnachten zu und so musste es ein anderer Choral sein.
Jonathan spürte das Gis in sich, - er wusste, nur der Tenor singt zu Beginn die Terz - und als sein Einsatz kam, da sang er mit wie es ihm die Erinnerung riet.

Wie soll ich dich empfangen,
Und wie begegn' ich dir,
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seele Zier?
O Jesu, Jesu, setze
Mir selbst die Fackel bei,
Damit, was dich ergötze
Mir kund und wissend sei.

Der letzte Hall verklang, die letzte Stimme verstummte und Jonathans Geist verweilte bei dem Lied. Noch war die Schleife bei "Fackel" unsauber, noch klappte der Sprung nach dem D Cis D auf das Gis nicht genügend, fand er und dachte dabei nur an sich. Um ehrlich zu sein: die anderen Tenöre hatte er gar nicht gehört.
Und drinnen, am Flügel, schien der grauhaarigen Chorleiterin und Lehrerin, als hätte sie eine Stimme mehr gehört, eine gute und schöne Stimme mehr.
16.1.07 00:58


fragment 4 - NACH 3, VOR 2

Ach, mochte doch die Zeit vergehen.
Leon seufzte und blickte auf seine Armbanduhr. Noch neun Stunden, erst dann würde sein Schultag für heute vergangen sein.
Er hasste Donnerstage - und doch liebte er sie auch. Nicht ob ihrer Länge, doch für das wenige Vergnügen, das sie ihm noch in der Woche bereiteten. Dafür war er auch bereit, den lästigen, freiwillig gewählten Zusatzkurs zu ertragen. Für andere war dieser Kurs eine nervige Pflichtveranstaltung, für ihn, der er die Hoffnung auf einen besseren Unterricht als zuvor gehabt hatte, war er eine herbe Enttäuschung. Und noch nwar er nicht einmal in der Schule angelangt, stand vielmehr im randgefüllten Bus und starrte trübsinnig aus dem Fenster.
Das rosa Schweinchen, das sich vor seiner Nase mit einem älteren Herrn in einem höchst pikierten Ton abfällig über die Folgen der Zuwanderung äußerte, verließ den Bus mit einem Gruß und der Erkenntnis, der Islam sei doch mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichzusetzen. Sie lachte kurz schelmisch auf und ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Haifischfratze. Dann war sie im sich aus dem Bus drängenden Gemenge verschwunden.
Leon starrte aus dem Bus hinaus, durch die Türen, durch die zuvor die reizende Dame entschwunden war. Nicht war wirklich klar, er erblickte nichts, war nicht in der Lage zu fokussieren.
Es war wie jeden Morgen: Menschenmassen hetzten über die hellen Fliesen des noch jungen umgestalteten Bahnhofs. Menschen aßen ein letztes Frühstück, Menschen rauchten die letzte Zigarette, Menschen trugen Rucksäcke und Taschen mit sich an diesem Donnerstag, der aller Voraussicht nach ein Donnerstag wie jeder andere zu werden schien.
Die Türen schlossen sich, begleitet von einem rhythmisch-nervigen Piepsen, das, wäre es ein Wecker gewesen, nicht lange in Leons Gegenwart überlebt hätte.
Da, was war das; ein T-Shirt und Dreads, vorbei im Strom des Lebens geglitten und alles wurde erneut eine trübe Brühe.
Ein Donnerstag wie jeder andere., dachte Leon. Mal ein kurzer Silberstreif am Horizont - und doch: nur eine Illusion am gewittrig-grauen Himmel.
24.12.06 04:32


fragment 3 - NACH 1, VOR 2

Genervt schlug Jonathan die Augen auf. Erneut hatte er eine Nacht ohne Schlaf verbracht. Nicht, dass er Alpträume gehabt hätte, nein, er hatte schlicht und ergreifend nicht einmal zur Ruhe kommen können - und selbst die Müdigkeit, die ihn seit Tagen begleitete, hatte die innere Unruhe und Rastlosigkeit nicht bezwingen können.
Um ihn herum war es Nacht. Das grün illuminierte Glasdach des Busbahnhofes, unter dem er auf einer Bank genächtigt hatte, hielt den Nieselregen auf dem Weg zum Erdboden auf, hatte Jonathan eine trockene Übernachtung im Großstadtdschungel gewährt.
Es war nicht kalt. Nicht kalt genug, um zu erfrieren. Aber kalt genug, dass Jonathan seinen Odem entweichen sehen konnte, kalt genug, dass er erbärmlich fror in seinem dünnen, grünen Baumwoll-T-Shirt.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, es musste wohl kurz nach vier Uhr am Morgen sein, denn als der Busfahrer den Motor gestartet hatte, hatte Jonathan die Augen geöffnet. Und nun rollte der Bus langsam laut schnaubend von der soeben auf Grün umgesprungenen Ampel.
Ein neuer Arbeitstag hatte begonnen.
Jonathan stand gemächlich auf, so schnell es ihm seine unterkühlten, zusammengezogenen Muskeln erlaubten. Er bibberte am ganzen Körper und eine ausgeprägte Gänsehaut zierte seine Arme.
Er wandte sich nach rechts, schlich steif über den Zebrastreifen auf das Bahnhofsgebäude zu und schob die schwere gläserne Tür vor, um sich Eintritt zu verschaffen in dieses nur wenig wärmere Drehkreuz der Bahnreisenden. Er spürte nicht einmal, wie kalt die metallenen Türstangen waren, das Gefühl in den Fingern hatte er mit dem Anbruch der Nacht verloren.
Das erbärmliche Knurren seines Magens ignorierte Jonathan. So sehr es auch an seinen Kräften zehren würde, er wollte in Bewegung bleiben, wollte nicht erstarren, wollte den beißenden Schmerz der Nadelstiche auf seiner Haut verdrängen, ihn austauschen durch den wohl warmen, pochenden Schmerz ausgelaugter Muskeln.
Warum, verdammt, bin ich eigentlich hier?, dachte er, Und warum weiß ich nicht warum?
"Warum?"
Das Echo hallte von den Wänden wider, einzelne Wortfetzen drangen erneut und erneut an sein Ohr.
Warum nur?
Jonathan seufzte lautlos und sehnsüchtig wandte er seinen Blick zur großen Uhr, die an der einzigen Wand ohne Durchgang hing.
Ach, mochte doch die Zeit vergehen.
24.12.06 03:58


fragment 2 - GEGEN ENDE

"Ich hatte vergessen, was man nicht vergessen kann. Ihn vermissen, sehnsüchtig auf ihn warten, tun wenige, ihn verdrängen können viele besser als sie meinen, glauben und empfinden. Manche müssen oder wollen ihn verbergen - aber vergessen kann man ihn nicht. ... Und doch, für eine lange Zeit hatte ich ihn mehr als verdrängt. Ich hatte ihn tatsächlich vergessen - bis man mir den Tod wieder vergegenwärtigte. ... Ich wollte es nicht. Ich will es nicht. Ob ich es wollen werde, weiß ich nicht. ... Aber so makaber es klingen mag: der Tod ... hat mich ins Leben zurück gebracht."
24.11.06 23:38


fragment 1 - PROLOG

Jonathan starrte in den Eisbecher, der einer überdimensionierten Sektflöte ähnelte. Das Eis war längst ausgelöffelt. An den Becherinnenwänden waren letzte Reste des Tiramisubechers verblieben, Spuren, die der langstielige Löffel hinterlassen hatte. Von außen war der Becher mit kleinen Kondenstropfen beschlagen, die warme Luft hatte ihre Feuchtigkeit am eiskalten Becher zurückgelassen und die Tropfen schimmerten durch die vom Eis befreite Glasfläche.
Der Schatten des Löffels, den Jonathan auf dem Becherrand aufliegen ließ, fiel auf die geschmolzene Speiseeispfütze am Grund des Bechers, wo sich das flüssige Eis zu sammeln schien, um erst beim Spülen von dort zu weichen. Kleine Bläschen standen auf der annähernd khakifarbenen kalten Soße.
Deprimiert ließ er den Löffel langsam in den Becher sinken, betrachtete, wie die flüssige Eiscreme den Löffel schnell in sich aufnahm.
Sein Blick fiel aus dem großen Fenster, er sah Menschen dort vor dem Textil- und Modegeschäft auf ihren Bus warten, geschützt vor dem leisen Nieselregen durch ein Vordach. Wenige Schüler standen da, unterhielten sich mit Freunden, wippten ein wenig umher und bogen sich, wenn sie lautlos lachten. Ein Mann stellte schnaufend zwei scheinbar schwere Einkaufstaschen auf die hölzerne Sitzfläche, die von zwei steinernen hellgrauen Blöcken getragen wurde und schnäuzte sich dann die große, rote Nase.
Aus der schwarzen, runden Lautsprecherbox in der weißen Decke neben dem blau eingefassten Halogenstrahler röhrte Tina Turner ihr "Simply the best", als eine kleine Träne sich den Weg aus Jonathans Age bahnte.
Simply the best,, dachte er, Simply the best. Wenn doch wenigstens etwas nur annähernd gut wäre. Wenn ich doch nur wüsste, was besser gut sein sollte.
24.11.06 23:33





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